Sagenhafter Barnim

Dieser verregnete Sonntag gehörte der nächsten Sage. Textbearbeitung – eine Vormittagsstunde, die Zeichnung dazu, verbrauchte drei Nachmittagsstunden …

Weißes Huhn am Straßenrand
Eine Dannenberger Koboldgeschichte

Zeichnung von Petra Elsner

Zeichnung von Petra Elsner

Auf der höchsten Erhebung des Barnim-Plateaus liegt das alte Dörfchen Dannenberg still in der bergigen Landschaft. Von dort aus kutschierte einst ein Bauer seine Fuhre Feldfrüchte zum Markt nach Eberswalde. Die Räder holperten scheppernd über das Kopfsteinpflaster, als sich plötzlich ein Gezeter unter dieses Lärmen mengte. Der Bauer lauschte ihm nach und entdeckte im Straßengraben eine fette, weiße Henne. Es war weit und breit kein Gehöft zu sehen. Jemand musste also das Tier verloren haben. Der Landmann stieg kurzerhand vom Wagen, fing sich den gackernden Vogel und steckte ihn in einen Jutesack. Den legte er sorgsam hinter den Kutschbock und freute sich über den unerwarteten Fang. Das fette Huhn würde einen feinen Sonntagsbraten abgeben. Sodann setzte er seinen Weg fort. Doch kaum später wehte ihm eine zischelnde Stimme um die Ohren: „Stehe zu Diensten, mein Herr! Was soll ich dir besorgen?“ Die Worte huschten bedrohlich über die Schulter des Bauern, und als sie gesprochen waren, standen die Pferde augenblicklich wie gebannt. Sie wagten sich nicht einmal zu schnaufen, selbst das morgendliche Vogelgezwitscher schwieg. Dem Bauern lief es eiskalt über den Rücken, und pure Angst trieb sein Herz an. Ohne einen Blick hinter sich zu werfen, wendete der erschrockene Mann seinen Wagen und fuhr eiligst zurück zu jener Stelle, an der er die fette, weiße Henne gefunden hatte. Dort warf er den Sack in den Straßengraben. Vergessen war der Markt, jetzt wollte er nur noch entkommen. Der Bauer gab seinen Pferden die Peitsche und preschte mit seinem Gespann davon. Die sprechende Henne jagte ihm noch lange und weit hörbar wilde Flüche und böse Verwünschungen nach. „Du undankbarer Trottel! Tod und Teufel über dich …“
Auf dem Hof angelangt schauderte es den Mann noch immer. Wer oder was war dieser seltsame Vogel? Als sich am Abend die Familie am Herdfeuer versammelte, erzählte der besorgte Mann die erlebte Geschichte. Die Großmutter nickte bedeutungsschwer und sprach schließlich: „Da hast du aber Glück gehabt. Das war ein ausgesetzter Kobold, der einen neuen Herrn suchte. Gut, dass du ihn zurück gebracht hast. Damit hast du uns viel Ärger erspart.“

(Nach Sagen aus Brandenburg: Sammlung von Peter K. Stumpf, aufgefrischt und erweitert von Petra Elsner)

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4 Antworten zu Sagenhafter Barnim

  1. Arabella schreibt:

    Wunderschön…und erst das Bild.

  2. petraelsner schreibt:

    Ich meinte: Schnellzeichnerisch-leichtfüßig kann ich nicht …:)

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