Gerdas Hofgesellschaft

Der Börsenverein initiiert vom 26. September bis 10. Oktober die ersten bundesweiten Regionalbuchwochen für Buchhandlungen und Verlage. In diesem Kontext mache ich hier mal wieder ein bisschen Werbung für meine Regionalprodukte. Eine Leseprobe aus meinem neuesten Buch „Vom Duft der warem Zeit“, erschienen bei der Verlagsbuchhandlung Ehm Welk:

Wer fliegen will,
muss auch landen können.

Zeichnung: Petra Elsner

Gerdas Hofgesellschaft

Der Schattenriss schwankte mit einem Humpen Bier in der Hand auf dem Kieshaufen unter der Laterne und rief in die Nacht. „Ich bin so leer, so schwer, schenk mir einen Grund zu leben oder zünd‘ ein Licht für mich an.“ Der Mann schlug mit der flachen Hand verächtlich in die Luft und jaulte dann rhythmisch weiter: „Nichts hält für die Ewigkeit, deine Briefe sind geschreddert, ausgelöscht sind sie für alle Zeit, doch der Schmerz quält mein Fleisch und ich hab keinen Halt.“
„Ruhe“ brüllte es von der finsteren Fassade im zweiten Stock. „Lass deinen Katzenjammer anderswo los!“
Der Mann auf dem Kies blickte verschwommen auf und rief in das Dunkel: „Was heißt hier Katzenjammer – ich übe. Für den Dichterwettstreit. Er nahm einen großen Schluck und lallte weiter: „Ja, deine Briefe sind jetzt Datenmüll, zum Streifenkonfetti mutiert.“ Er spuckte die Worte, die ihm sein Herz diktierte, wie Kirschkerne aus. Julian mit der schwarzen Mütze war verlassen worden und schrie seinen Schmerz als Seelenlichter in die Nacht, doch das Rauschen seines aufgewühlten Blutes war lauter: „Wir waren doch eins – jetzt haust nur noch die Erinnerung in mir …“
„Früher hätten wir Nachtpötte über dich gegossen, hau‘ ab“, schnauzte es vom Balkon.
„Oho, das traust du dich nicht“, grölte Julian zurück.
Plötzlich plätscherte es neben der Mützengestalt und von oben sagte jemand anderes: „Es geht auch ohne.“ Getroffen hatte er nicht, aber Julian preschte vom Hügel und wankte in Richtung Nirgendwo davon.

Die Hühner badeten im Sand, scharrten und pickten auf dem Hof. Julian schlich leichenblass von Gelege zu Gelege und sammelte die braunen Eier ein. Sein Kopf brummte. Gerda Fiebelkorn fegte energisch das Hoflädchen, als er ziemlich zerknittert ihr seine Tagessammlung brachte. „Du hast auch schon mal frischer ausgesehen“, kommentierte sie kurz und spitz seine schlappe Erscheinung. „Trägst du mir noch das Gemüse vor die Tür?“
Julian nickte der Großmutter zu und hievte die Kartoffelkörbe und Salatstiegen unter den großen Sonnenschirm. Gerda kam mit einer Karaffe Brunnenwasser hinaus, warf zwei Sitzkissen auf die Bank neben der Tür, goss die zwei Großvatergläser voll und sah zu Julian: „Komm, hock dich her, was ist los, mein Jung?“
Mit Gerda auf der Bank, das ist immer gut. Ihre aufgeräumte Art. Ganz gleich was das Leben spielte, Großmutter war für ihn da, immer und ohne Umstände. Er setzte sich zu ihr, und sie tranken das Brunnenwasser aus den schönen Abrissgläsern. Die waren noch von Gerdas Großvater und sie servierte darin Wasser als wäre es Wein. Kostbar eben. Er fingerte versonnen über das geschliffene Monogramm in dem Glas. Hundert Jahre alt und immer noch schön. Er fühlte wie das Wasser langsam seinen inneren Brand löschte. Er schenkte sich nach und schwieg immer noch. Gerda beobachtete eine Bachstelze, die über die Katzenköpfe stolzierte. Sie sah aus, als würde sie dabei einen unsichtbaren Schlapphut durch die Luft tragen.
„Hanna hat Schluss gemacht.“
„Ach, das ist schade, mein Jung.“
„Alle müssen hier weggehen, um was zu werden. Und Hanna meint, wenn sie das Herbstsemester in New York beginnt, dann schläft unsere Beziehung sowieso ein, da könne man sich ja schon die letzten großen Ferien anderweitig umsehen. Das ist doch blöd“, schimpfte Julian.
„Saublöd“, setzte Gerda trocken nach.
„Vielleicht hat sie ja auch Recht: sie in Übersee und ich an der Eberswalder Wald-Uni.“
Gerda seufzte: „Der eine hat halt große Flügel und der andere tiefe Wurzeln. Da kann man nichts machen.“
„Vielleicht sollte ich lieber Slam-Poet werden und das mit dem ökologischen Landbau lassen. Als Slamer kommt man gut rum“, sinnierte der junge, traurige Mann.
„Nö, wenn dann beides, das passt auch zusammen – Natur und Literatur“, fand die Großmutter.
„Oma, das ist mehr als nur Gedichte schreiben. Das ist Bühnenliteratur. Es geht nicht nur um die Worte, sondern die Art des Vortrags als eine stimmige Inszenierung mit knackiger Performance, verstehst du?
„Verstehe, Kunst und Comedy.“
„Na, das kann es auch sein… auf jeden Fall geht es darum, den eigenen Texten Leben einhauchen bis sie eine gute Bühnenreife haben. Soweit bin ich aber noch nicht.“
„Na, der Karl aus Angermünde hat heute früh beim Käse liefern gemeint, deine nächtliche Performance in der Rosenstraße, wäre bühnenreif gewesen.“
„War ich in der Rosenstraße?“
Gerda zog eine Braue vielsagend hoch und nickte.
Der junge Mann sah seine Großmutter von der Seite aus an, ihre hohe, kluge Stirn und die schönen Lachfalten. Er war allein, aber wollte er frei sein? Nicht wirklich. Sie war allein und frei – aber war sie es gern? Er zweifelte daran, schon lange und war etwas besorgt, was werden würde, wenn auch er einmal fort wollte oder müsste.
Gerda spürte Julians fragenden Blick, sie griff nach seiner Hand, drückte sie leicht und sagte ihm sanft: „Geh‘ unter Leute und versuche sie loszulassen. Es wird ein Weilchen dauern, bis es nicht mehr wehtut.“

Abends saß Gerda wieder auf dieser Bank – tief in Gedanken versunken. Die Vögel schilpten und zwitscherten eine Woge ins Abendrot, bevor sie mit dem Untergang des Feuerballs verstummten. Bilder flackerten vor dem geistigen Auge der Frau auf. Die von Rudi, ihrem galanten Ex, und die von ihren Kindern, alle waren sie weit weg von hier, sie aber konnte nicht weggehen, auch als es keine guten Jobs mehr gab. Sie hatte diese tiefe Wurzel in dieser anmutigen Landschaft, die sie so sehr liebte, aber um sie wurde das stille Land noch stiller.
Gerda atmete tief und seufzte in das milde Abendlicht. Die Katze strich ihr um die müden Beine und schurrte, als sie nach ihr griff. Diese tiefe Wurzel konnte schmerzen, weil sie dem Phantomschmerz all der entrissenen Teile nachspürte. Gerda klagte nicht. Ihre Liebe war und ist bedingungslos. Die Tage vergingen, die Monate, die Jahre, in denen sie Julian allein aufzog. Er hatte diese tiefe Wurzel auch. Ihre Gedanken kreisten um das Was-würde-sein, wenn auch er ginge – der Arbeit oder der Liebe wegen? Sie dachte an Rudi, seine schönen, gepflegten Hände, die hätten es ihr verraten müssen, dass sie nie schwer arbeiten würden. Rudi war ein Schlawiner, der sich schnell wieder verdrückte, als ihr die Kinder die Jugend und die schlanke Taille nahmen. Sie hatte keine Zeit, ihm nachzuweinen, sie musste arbeiten, die Kinder versorgen, den Hof erhalten. Jeden Tag aufs Neue. Nur in manchen Nächten war es ihr hundeelend so allein. Dann zog sie los, mit dem Fahrrad in die Stadt, auf irgendeinen Tanzboden oder in die Bahnhofskneipe und holte sich einen Mann aus der Nacht, und wenn es hell wurde, verschwand sie, wie sie gekommen war. Sie nahm sich nur, was sie gerade brauchte. Einen Mann für den Tag suchte sie nie wieder. Kein Vertrauen.
Gerda spürte, das Leben zog inzwischen wie ein Luftzug an ihr vorbei. Das öffentliche Tempo raste, während ihres die Stille umströmte, wenn Julian nicht bei ihr war. Aber sie durfte sich nicht seiner Energie bemächtigen. Auf keinen Fall. Sie hatte eine andere Idee und für die wurde es nun Zeit..
Am nächsten Morgen gab sie im Büro der Regionalzeitung eine Annonce auf: „60-Jährige gründet eine Hofgesellschaft. Gesucht werden für diese Wohngemeinschaft fitte Alte mit dem Drang zur Aufgabe (Koch, Hausmeister, Maurer, Buchhalterin, Hauswirtschafterin, Gärtner, Tierpfleger – was ihr könnt), die miteinander gleichberechtigt und selbstbestimmt leben. Die Gründung ist für September vorgesehen, Vorstellungen bitte umgehend.“

Am Montag kam Harry. Hektisch und hochrot stand er vor Gerda. „Tach, ich komme wegen der Anzeige. Interessiert mich, kann ich mir erst einmal den Garten ansehen, bevor wir was bereden?“ Sagte es und war schon an Gerda vorbei, mit großen Schritten über das Kopfsteinpflaster des Dreiseitenhofes, dem Grünland entgegen mit den Gemüse- und Kräuterbeeten. Er pfiff leise durch seine Zahnlücke und verlor plötzlich goldene Sätze: „In den Teich muss ein Stück Kupferrohr rein, dann wird das Wasser glasklar. Und das hier soll eine Kopfweide werden? Die zerreißt der Wind, wenn man sie nicht lichtet.“ Er sah Gerda streng und gewichtig an: „Sieh, dort unten klafft schon ein Riss am Stamm. Solche Baumwunden musst du desinfizieren. Ist ganz einfach. Eine Knoblauchknolle zerstampfen, in ein Marmeladenglas geben, Wasser drauf, drei Wochen stehen lassen, dann die Tinktur auf die Wunde streichen und alles wird gut.“ Er stampfte weiter und sah „ Ah, du machst Brennnesseljauche, das ist gut, aber Rainfarnjauche bewirkt das Gleiche und stinkt nicht ganz so. Die Brombeerruten musst du zu Bögen binden, dann werden sie schön dicht und tragen mehr. Das kannst du auch mit deinen Kletterrosen machen. Übrigens wenn mal wieder die Mücken nerven, so einen Wedel vom Essigbaum vor dem Partyabend einfach in eine Badewanne mit kaltem Wasser hauen und abends beim Sitzplatz aufhängen, den Duft mögen die fiesen Stecher gar nicht. Die Eibe da sieht aber dürr aus! Du musst beim Pflanzen nicht nur das Pflanzloch wässern, sondern den Wurzelballen richtig mit Erdschlamm einschwämmen. Der Schlamm umschießt sofort die feinen Wurzeln, es bilden sich keine Luftkammern, die oftmals zum Vertrocknen der Pflanze führen …“  Der Mann mit dem schrägen Schlapphütchen lächelte verschmitzt in Gerdas verwundertes Gesicht und dann sagt er noch: „Ich könnte ja hier den Gärtner geben, die Bäume beschneiden und das Holz machen, wenn gewünscht.“
Die Frau zeigte ihm noch die vielen freien Zimmer und Harry nickte wohlwollend, dann schob ihn Gerda wieder vor die Hoftür: „Wir überlegen uns das mal, Sie hören von mir.“
Harry zückte noch eine zerknitterte Visitenkarte aus der Brusttasche seiner grünen Latzhose, stieg ächzend in seinen weißen Transporter. Blitzschnell war er wieder fort. Gerda holte tief Luft und dachte, das kann ja heiter werden.

Gegen 11 Uhr erwachte Julian aus einen Ferientraum und schaute aufgeräumt kurz in den Hofladen: „Hattest du heute schon Besuch?“
„Ja, komm, ich will dir was erzählen.“
Dann saßen sie wieder auf der Bank bei der Karaffe Brunnenwasser, in der Hand die schönen Großvatergläser und Gerda begann: „Du weißt, der Hof ist viel zu groß für uns beide allein, und ich will nicht, das du dich krumm schuftest und dich angebunden fühlst, weil meine Kraft nachlässt. Ich habe mir schon lange etwas überlegt und finde, jetzt ist es soweit, es anzupacken.“ Julians Augen hafteten fest auf seiner Großmutter, er spürte, es wird einen Wandel geben und was hatte sie vor?
Gerda atmete tief durch und sprach nun ganz klar: „Ich möchte eine kleine Hofgesellschaft gründen. Eine Art Alters-WG, in der jeder eine feste Aufgabe hat. Für eine gewisse Tageszeit und in den verbleibenden Stunden selbst entscheidet über Nähe und Distanz.“ Sie blätterte in ihrem Notizblock, suchte nach den Skizzen: „Sieh mal, ich habe mir gedacht, die Wand zum Wohnzimmer rauszunehmen. So entsteht die große Gesellschaftswohnküche, und die anderen fünf Zimmer bekommen alle ein kleines Bad, damit es keinen Stress gibt. Du ziehst ins Gartenhaus und hast dort deine Selbständigkeit. Die Ferienwohnung darin hat alles, was du brauchst, sie gehört jetzt dir. Zum Essen kannst du natürlich kommen, wenn du willst.“ Julian staunte mit offenem Mund und freute sich zugleich: „Man, Oma, das ist eine tolle Idee!“
Sie sah ihn erleichtert an und murmelte noch: „Vielleicht kann ich ja auf diese Weise den Hof noch gut zehn Jahre bewirtschaften. Mit der Kraft aller Bewohner, die zwar alt und allein sind, aber nicht reif fürs Altersheim. Und wenn das Modell mal so oder so ausläuft, bleibt eine Art Pension übrig, aber das ist dann deine Baustelle.“

Harry ließ sich nicht wieder blicken, er hatte seinen Auftritt. Aber auf dem Hof war ein reges Kommen und Gehen von Handwerkern und interessierten Kandidaten. Laute und leise, viele, die wieder gingen.
Heinz kam auf einem weißen Pferd, in den Satteltaschen ein geistiges Tröpfchen. Zwei genauer gesagt. Er sah aus wie jener Wildtöter aus einem alten Indianerfilm und schwadronierte amüsant, aber er roch scharf. Heinz wollte gar kein Quartier, er lebte schon seit Jahren im Wald, vielleicht aber bekäme er im Winter hier mal ein warmes Süppchen. Gerda sah hinüber zu Ilse, die nickte.
Die verschlossene, wortkarge Ilse war als Erste eingezogen. Tüchtig und höflich hantierte sie in der Küche, die sie zu ihrem Arbeitsbereich erklärte. Abends lag die kleine, zähe Frau in einem alten Liegestuhl beim Haus und verschlang schmachtend Liebesromane bis ihr die Augen zufielen. Gerda deckte sie dann führsorglich mit einer Decke zu. Sie war froh über die Hilfe im Haus, ihr blieben das Gemüse und der Hofladen.
Klaus-Dieter machte nicht viel Worte, er guckte und wohnte erst einmal eine Woche zur Probe. Er hackte Holz und räumte den alten Stall auf. Währenddessen kam die Elfriede hinzu, mit roten Lippen und gut gekleidet. Klaus-Dieter half beim Einzug und entschied sich prompt zu bleiben. Elfriede war geschickt mit der Wäsche, dem Haarschneiden und sonstigen Dekorationen. Alles unentgeltlich, dafür mietfrei, die Unkosten teilten sie alle miteinander. So verstrich die sonnenhelle Sommerzeit.
Gerdas Hofgesellschaft war beinahe komplett, da läutete an einem nebelverhangenen Tag die Hofglocke. Es war Gerda, als hätte sie den Ton schon einen Augenblick vor dem Klang gehört. Sie war irritiert, stiefelte hastig über den Hof, zog ruckartig am Türriegel, öffnete die Tür und sah wie vom Blitz getroffen in zwei Augen, blau wie ein Sommerhimmel.
„Sie suchen einen fitten Alten mit handwerklichem Geschick“, fragte der kantige Mann vorsichtig in ihren Blick. Der zurückhaltende Bernhard hatte lange gezögert, ob sich der Weg hierher überhaupt lohne, doch als er in die Hofgesellschaft eintrat, blieb er sofort, sturmfest und erdverbunden. Und die Stille schwieg, denn das Leben strömte großzügig hinein in Gerdas feine Hofgesellschaft.

*** (pe)

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2 Antworten zu Gerdas Hofgesellschaft

  1. Arabella schreibt:

    Einmal, vor vielen Jahren, war ich mit meiner Mutter in ihrer schlesischen Heimat.
    Nach einem langen Spaziergang über die Felder und Wälder bekamen wir bei der Heimkehr frisches Brunnenwasser.
    Nie vergesse ich diesen Geschmack.
    Und das Bild dazu ist wunderbar.

    • petraelsner schreibt:

      Ich weiß, mein Vater kommt auch aus Schlesien. Meine Mutter aus Böhmen. Ihr Vater war der Glasmacher…von dem die Großvatergläser sind. Ich habe sie noch… Die Wurzeln…

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