Die Gabe der Nebelfee

Ariella, die Nebelfee Zeichnung: Petra Elsner

Ariella, die Nebelfee
Zeichnung: Petra Elsner

Im Schutze des Berges, wo das Ufer des Werbellinsees ein Stück zurück tritt, lag das kleine Hüttendorf noch im tiefen Schlafe. Nur der junge Fischer Jakob dümpelte schon im Morgengrauen bei seinen Reusen. Die Vögel begannen gerade zu zwitschern, als sich ein kalter Hauch über den See kräuselte, auf dem ein blasser Schatten ritt. Die Vögel hielten inne, während Jakob erschrocken aufsah. Es war Ariella, die Nebelfee, die er fürchtete und zugleich verehrte. Kalt lächelnd legte sie einen mächtigen Wels in seinen Kahn. Die Eule auf ihrer Schulter schrie unheilvoll und flog sodann davon. Jakobs Augen folgten dem weißen Vogel, aber als er seinen Blick zurückwandte, war Ariella lautlos im Nichts entschwunden. Die leichte Brise verwehte die letzten Schleier ihres Kleides und trug murmelnde Stimmen mit sich: „Nimm ihn nicht, nimm ihn nicht, sonst holt sie dich.“ Aber der Fischer konnte dem großen Geschenk nicht widerstehen und ruderte so schnell er konnte zurück an Land.

Es war schon der zweite große Fisch, den er auf diese Weise bekam. Im Dorf prahlte der junge Mann, wie tollkühn er den Wels dem Wasser entzog. Kein Wörtchen verlor er über die Gabe der Nebelfee. Die Altfischer munkelten zwar manches, aber Jakob galt fortan als begnadeter Fänger. Drei Tage aß das ganze Dorf von dem riesigen Wels und ließ den Fischer beim Weine hochleben. Der Heidereiter, der große Verkünder von Recht und Ordnung, bot ihm sogar seine schöne Tochter zur Frau. Jakob sonnte sich in seinem Glück und freute sich auf die Aussicht einer guten Partie. Doch tief in seinem Inneren wusste er, sein Herz gehört schon einer anderen, aber der Fischer schwieg. Der Sommer kam und es sollte Hochzeit gehalten werden. Alles, was das Wanderland zu bieten hatte, lagerte schon für das Festmahl in den kühlen Erdspeichern: Edles Wild, feinste Pilze und Waldbeeren, Fliedersekt und Lindenhonig, es fehlte nur noch ein stattlicher Fisch.

Jakob ruderte in aller Frühe seines Hochzeitsmorgens auf den Werbellin und warf gerade sein größtes Netz aus, als die Sonne ihr Gold in den See goss, der augenblicklich zu dampfen begann. Aus dem Dunst wuchs Ariella heran, weiß-blass und hundertmal schöner als seine Braut. Die Fee trug einen Seerosenkranz und hielt einen prächtigen Hecht in den Händen. Jakob schaute entrückt auf das schimmernde Bild. Er sah nicht den Fisch, es war die bezaubernde Gestalt der Nebelfee, die ihn berauschte. So merkte er nicht, wie der Hecht aus ihren Händen in seinen Kahn flutsche, und er im gleichen Moment von einer milchigen Wolke umfangen wurde. Ohne ein Wort und vollkommen lautlos verschwand Jakob in den Tiefen des Wassers. Sein Kahn strandete mit Hecht, doch ohne Fischer am Ostufer des Werbellins.

Seit jenem Tag saß des Fischers Braut an dieser Stelle und weinte. Sie weinte Tage und Wochen so viele Tränen, dass der See über seine Ufer zu treten drohte. Da sprach ein alter Fischer zu der Trauernden: „Verwinde deinen Schmerz, kleine Frau, der Jakob ist der Nebelfee verfallen und damit dem schönen Schein. Der hockt jetzt in ihrer Dampfküche und erntet nichts als Rauch. Du aber kannst leben und musst nicht einem Phantom am Grunde des Sees dienen.“

Die Worte des Altfischers trockneten die Tränen der Braut, die sich alsbald einen anderen Mann nahm. Nur manchmal, wenn die Nebel über das Land wallten, dachte sie noch etwas wehmütig an den jungen Fischer, der jetzt für Ariella im See die Dunstsuppe kochte. Er steht dort noch immer im schlammigen Grund. Ruhelos rührt er, und mit ihm noch viele andere Nebelknechte, die sich die Fee mit jeweils drei Fischen von den Seen und Flüssen des Wanderlandes pflückte, in einem gewaltigen Trog den milchigen Schein.

(Aus meinem Buch „Schattengeschichten aus dem Wanderland“ – Schorfheidemärchen, erschienen 2010 im Schibri-Verlag )

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