Ein Mittel gegen Tristesse (11)

Die Farbe meiner Kindheit war grau. Eine Farbe der Schatten, die allgegenwärtig Gemäuer, Kleidung und Gesichter überzog. Nur der Wandel der Jahreszeiten gaukelte Veränderung. Das alte Foto aus Großmutters Mappe vom Reichenbacher Bahnhof stammt aus dem Jahre 1920. Seither sieht er so aus und setzte mit der Zeit nur Ruß und Patina an. Hinunter in den Ort säumten geduckte und verwitterte Hausgestalten die Kopfsteinstraße. Ankommen in Reichenbach war immer gleich. Unweit vom Markt wohnte mein Maler-Großvater. Es gab Apernsterz (Kartoffelmus), halbierte gebratene Bockwürste mit brauner Butter und Kopfsalat. Immer am Ankunftstag. Während meine Schwester hier das Ziel ihrer Ferien erreicht hatte, rutschte ich bereits beim Nachtisch unruhig auf dem Stuhl herum und drängelte: „Gehen wir jetzt nach Oberreichenbach?“ Großmutter Marie schaute sogleich streng, und Großvater zog sich wortlos die Schuhe an. Er trug meinen Pepitakoffer durch das müde Städtchen, hinaus in das nahe Dorf, etwas beleidigt, weil ich sogleich weiter wollte. Nicht seinetwegen. Es waren die Großmütter, denen wir Kinder unterschiedlich zugetan waren. Das Grau aber wohnte überall. Nur die Phantasie konnte darein schillernde Töne zaubern.
Ich kann mich eigentlich nicht an Spielzeug in der Stube meiner (Lieblings-)Großmutter Selma erinnern. Allerdings durfte ich alles im Raum in mein Spiel einbinden und benutzen. Und wenn ich mir wünschte, dass man mir zuhört, bekam ich Aufmerksamkeit geschenkt. Ich weiß noch, wie ich eines Abends meiner Großmutter und ihrer Nachbarin erst den sterbenden Schwan vortanzte und anschließend ein Märchen auf Chinesisch vortrug. Weder mein sterbender Schwan war überzeugend noch konnte ich Chinesisch. Aber die beiden alten Damen ließen einfach mein Ausprobieren zu, und winkten es nicht mit dem tödlichen Satz „Was für ein Blödsinn!“ ab. Dieses Zulassen war (und ist) der Nährboden, auf dem Kreativität wachsen kann und eine Phantasie, die Flügel spendiert.

In den Wolken. Zeichnung von Petra Elsner

In den Wolken.
Zeichnung von Petra Elsner

Wenn ich heute meine Bilder ausstelle, werde ich oft gefragt, woher ich die Ideen nehme. Eine Frage, die mich gewöhnlich ziemlich nervt. Denn wie soll man das Spektrum des Erfindens mit einem Satz beschreiben? Und wie erklärt man Inspiration? Kaum möglich. Auf jeden Fall aber begann alles damals schon, als ich lernte aus dem Grau zu springen, weil Großmutter mich ließ.
Kreativität ist ein universelles Mittel gegen jedwede Tristesse. Gegen das Grau, gegen geistige Enge, aber auch in Krankheit oder Armut. Ich konnte mir als Freiberuflerin nach der Wende lange keine wirklichen Ferien leisten. Doch etwas anderes war möglich, beispielsweise mir selbst eine Woche zu schenken. Traumzeit auf Balkonien, um ein Märchen zu erfinden. Einfach so, ohne materielle Absicht. Ein Märchen statt Urlaub – das kann auch eine beglückende (kräftigende) Auszeit vom Alltag sein …

© Petra Elsner
aus “Die Mappe meiner Großmutter”, hangebundenes, limitiertes Künstlerbuch.
Die Texte entstanden zuvor für eine naturfeulletonistische Zeitungskolumne. Dieses Potpourri aus Erinnerungsgeschichten half mir eine Trauerarbeit zu leisten. Der Titel adaptiert Adalbert Stifters “Die Mappe meines Urgroßvaters” – Frauen haben eben auch Geheimnisse. Und bei mir war es an der Zeit, nach den guten Dingen in meinem Leben zu suchen. Ich fand sie in den Ferienzeiten bei meiner Großmutter in der Oberlausitz …

 

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