Die Krone aller Kräuter (4)

Ursprünglich bestand die Mappe meiner Großmutter im Inneren nur aus einem alten Kassenbuch im A4-Format. Irgendwer hat es einst begonnen und später aufgegeben, denn etwa die Hälfte der Seiten war herausgerissen. Auf den verbliebenen unbenutzten mehrten sich fortan Großmutters handschriftliche Rezepturen aus dem Familienwissen fein säuberlich aneinander. Daran ist nichts wirklich bemerkenswert. Jede Familie hat wohl so oder so einen ähnlichen Fundus. Spannend sind einzelne Details, wie beispielsweise ein beigelegtes Rosmarin-Büchlein aus dem Jahre 1675. Die uralte Schwarte beginnt mit einer wohl noch heute aktuellen Belehrung aller Deutschen: Jene sollten nicht wie Narren mit großen Unkosten in die Ferne schweifen, wenn sie ein vorzügliches Gewürz oder eine Arznei suchen, weil sie schließlich ebenso Gutes, teilweise Besseres vor der eigenen Türe haben. Mag sein. Aber dann singt der Schreiber das hohe Lied auf die Tugend, die Kraft und das Vermögen des Rosmarins und berichtet von der Heilung aller Krankheiten, sogar von Krebs oder Pest, und verspricht ewiges Leben. Derlei Heilslehren gab es nicht nur nach dem dreißigjährigen Krieg. Aber mal ehrlich, wer will noch lange bleiben, wenn Liebste und Freunde bereits gegangen sind? Einsam ist es auf dem Berg der Jahre, und nur wenige erzählen davon. Was Wunder. Sorgt doch der Jugendkult unserer Zeit auch dafür, dass Vergänglichkeit nicht mehr nur als Tabu-Thema gilt, sie erscheint nun fast als Makel. Zugleich treibt Narzissmus dekadente Blüten. Doch auch für Schönheitskultige hält das Bändchen aus der Mappe meiner Großmutter etwas parat: „Wenn sich ein Mensch bisweilen in einem Rosmarin-Bad badet – ist es unglaublich, wie es die Natur stärket und ihn gleichsam in seiner steten Jugend behält.“ Selbstversuche sind durchaus bekömmlich und vollkommen unbedenklich. Ich hab’s probiert, als wohltuend empfunden, die Falten hat es allerdings belassen!
Auch heutzutage gilt Rosmarin mehr als ein leckeres Gewürz für Fleisch und Backwaren. Blätter, Blüten und Gehölz haben erwiesen gute medizinische Eigenschaften. Sie lindern Depressionen, Migräne, Leber- und Verdauungsstörungen. Sie sind in Salben gegen Neuralgien, Rheuma und Ekzeme enthalten. Und es ist als Haar- und Mundwasser bekannt. Doch inzwischen weiß man auch, dass der Rat des euphorischen Medikus aus dem 17. Jahrhundert aus Großmutters Mappe „Man lasse keinen Tag hingehen, da man das Rosmarin nicht gebrauche …“ seine Tücken hat. Denn zu viel und zu häufige Einnahmen können zu Vergiftungen führen, und aus ist es mit der schönen, gesunden Ewigkeit.

Aus dem Rosmarienbändchen

Aus dem Rosmarienbändchen

Petra Elsner
aus “Die Mappe meiner Großmutter”, limitiertes Künstlerbuch.
Die Texte entstanden zuvor für eine naturfeulletonistische Zeitungskolumne. Dieses Potpourri aus Erinnerungsgeschichten half mir eine Trauerarbeit zu leisten. Der Titel adaptiert Adalbert Stifters „Die Mappe meines Urgroßvaters“ – Frauen haben eben auch Geheimnisse …

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Naturfeuilleton abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s