Alltagskost (3)

Die Mappe meiner Großmutter bündelt nicht nur Heil-Tipps und Rezepte. Darin befinden sich auch alte Postkarten, Bibel- und Kalendersprüche, ein uraltes Rosmarinheft, Andachtsbildchen, allerlei Zettelnotizen, Briefe, hier und da auch ein vergilbtes Foto, gepresste Pflanzen, Festtagsregeln und Gedichte … Eben Alltagskost aller Art.

Die Andachtsbildchen stammten von meinen Gängen zur Sonntagsschule während aller möglichen Ferienzeiten. Ein Geheimnis, von dem meine streng atheistischen Eltern nichts wissen durften. Zwei Dinge trieben mich in das fremde Gemäuer: Die Neugier auf wundersame Geschichten und die schönen bunten Bildchen, die man zum Abschied bekam. Zwar war Großmutter irgendwann aus der Kirche ausgetreten, aber wenn die Nacht kam, hatte sie immer ein leises Gebet auf den Lippen und ich logischerweise Fragen. Der Platz dafür wohnte im Dämmerlicht. Es gab noch keinen Fernseher, und erst mit dem letzten fahlen Licht des Tages wurden die Lampen im Haus angeknipst. Eine kleine Auszeit, in der die Augen pausierten und die Gedanken wanderten. Dann konnte man einfach in den dunklen Raum fragen, ohne dass sich die Blicke trafen: „Oma, gibt es wirklich einen Gott?“ Über ihr zögerliches: „Ich weiß nicht“, entspann sich ein Für-und-wider-Sinnieren, an dessen Ende meist immer noch die Ungewissheit stand.
Aber wir hatten etwas besprochen, was zu Hause als ein Tabuthema galt. Da blieb schon so eine simple Nachfrage: „Warum heißt die Götterspeise Götterspeise?“ ohne Antwort. Die Angst, etwas politisch Unkorrektes zu sagen, war seinerzeit (Ende der 50er Jahre) wohl größer, als schlicht eine Unkenntnis zuzugeben. Großmutter aber hatte sich jene heitere Gelassenheit bewahrt, die damals schon (und heute immer mehr) zu verschwinden drohte. Eine Gelassenheit, die eigene Fehler und Schwächen zulässt. Dieses Zugestehen empfand ich immer schon nicht als Schwäche, sondern als Stärke. In Großmutters Mappe entdeckte ich Jahre später dieses Notat:
Scheiterst du, verzeih‘ es dir und suche heiter nach Gelassenheit. Es ist die heitere Gelassenheit, die dich trotz deiner Fehler froh und aufrecht weiterleben lässt.

© Petra Elsner
aus “Die Mappe meiner Großmutter”, limitiertes Künstlerbuch.
Die Texte entstanden zuvor für eine naturfeulletonistische Zeitungskolumne. Dieses Potpourri aus Erinnerungsgeschichten half mir eine Trauerarbeit zu leisten. Deshalb nenne ich sie im Untertitel auch „Heilende Geschichten“.

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