Der Zeremonienmeister

Hinter den mittelalterlichen Steinen von Bernau bei Berlin:

Der Museums- und Brigantenchef Bernd Eccarius (Mitte).  Foto: Petra Elsner

Der Museums- und Brigantenchef Bernd Eccarius (Mitte).
Foto: Petra Elsner

Schatz- und Sinnsucher sollte ein Museums-Chef schon sein, aber Degen- und Schwertkämpfer nicht zwingend. Nur für Bernau war und ist dieses Zusammenspiel eine besondere Fügung. Und so beherbergt die Stadt im Steintor nicht nur das weltweit einzigartige „Hussitenmuseum“, sondern auch diesen unikaten Zeremonienmeister dazu: Bernd Eccariuns. Naturgemäß ist ein Museumsleiter auch Sammler, „versucht Lücken zu schließen, nimmt Sachen auf. Aber die größte Entdeckung in meinem Leben waren meine Kinder für mich. Und der größte private Fund war meine jetzige Ehefrau. Dass man so etwas noch einmal findet – einen Einklang – hätte ich nicht gedacht“, gesteht er, immer noch überrascht. Beruflich – im Museum war der Fundus selbst seine große Entdeckung: „Ich kannte das Museum lange nur von außen. Als ich das erste Mal im Steintor war, staunte ich wie groß es ist, und wunderte mich über diese Sammlung, dass es solche Stücke wie diese Rüstungssammlung in Bernau gibt.“
Der Historiker kannte sich damals schon gut mit Rüstungen aus und wusste sogleich: „Das es so etwas anderswo nicht gibt, nur als Nachbildungen.“ Aber Bernau hat die Originale. 1989 wurde Bernd Eccarius hier Museumschef. Was wohl so kommen musste, denn schon während seines Leipziger Studiums, wurde er in seiner ersten Prüfung nach der Geschichte der Hussiten befragt. Eine Dreiviertelstunde lang, aber nie und nimmer hätte er gedacht, dass es mal Thema seiner Arbeit sein würde. Und wie Eccarius dieses historische Zeitenbündel präsentiert – spielerisch und schrankenlos, berührend, mit Esprit und zugleich kraftvoll, das kommt auch nicht von ungefähr, denn in dem Manne mischen sich die gepflegten Talente zu einem schmackhaften Cocktail.
Als Schüler, während seiner Berufsausbildung mit Abitur in Jüterborg, spielte er im Arbeitertheater und im Kabarett. Seine Lust daran kommentiert er jetzt so: „Witz heißt ja, sich geistreich mit einer Sache auseinander zu setzen und auf den Punkt zu bringen.“ Diese Denke hat den Mann begeistert. Er lernte damals Zootechniker, weil der Vater wollte, dass er Tierarzt wird. Aber der gebürtige Bad Freienwalder trat das Tierarztstudium nicht an, ging sogar drei Jahre zur Armee, um so dem Delegierungsverhältnis zu entkommen. Er suchte eigene Wege. Aber während dieser Lehrausbildung hatte er bei Schlossereiarbeiten erstmalig Eisen in der Hand. Von daher stammt sein u.a. handwerkliches Können, ein Schwert zu schmieden. Es zu führen lang auch am Weg zwischen Theater und sportlichen Versuchen. Aber das geschichtliche Interesse war in ihm schon viel früher erweckt: „Mein zweiter Geschichtslehrer war mein erster Judotrainer“, erzählt Eccarius den Teil des roten Fadens, der sich für ihn bis ins Heute spinnt. „Der erste war Jäger. Er hat uns Geschichte in der Natur gezeigt. Steinformation, Hünengräber usw.“ Da war es passiert, „Wau, man läuft übern Acker und findet eine Steinaxt … nicht sonst wo, sondern bei uns um die Ecke. Das sind Schlüsselerlebnisse für den Beginn einer Leidenschaft.“
Es waren die negativen kindlichen Erlebnisse in Museen –  „wo man nichts anfassen durfte und nur stumm zuhören musste“, die ihn Historiker werden ließen. Denn er wollte es anders. „Aber wie macht man Geschichte schmackhaft?“ Das ist sein Thema, und indem kommt der Mann ins Plaudern und erzählt etwas aus der Geschichte des Kaffees. Von einem Kaffeehändler, der die erste Caféstube in Wien eröffnet und beinahe pleite ging, weil niemand das bittere Getränk wollte. „Seine Haushälterin fragte nach dem Warum und meinte schließlich, wenn er nicht schmeckt, muss man ihn schmackhaft machen, etwas hinzutun, was die Leute haben wollen. Gegen die Krümel gibt es das Filtern. Gegen das Bittere nimmt man Honig oder Süßstoff und gibt Sahne hinzu. Damit war die Wiener Melange entstanden, die ihren Siegeszug durch ganz Europa nahm. Und genau so ist es auch mit der Wissensvermittlung. Man muss es den Kindern servieren, wie es ihnen schmeckt.“ Sagt es und lächelt. Schmackhaft machen – das ganze Geheimnis des Zeremonienmeisters, der als Markenzeichen fast immer Basecap trägt.
In bis zu drei Führungen am Tag bietet der Museumschef  Spannendes, Spielerisches und dabei immer etwas zum Mitmachen an. Zu 90 Prozent hängen die Kinder nach zehn Minuten an seinen Lippen, und mancher will dann später mit den Eltern wiederkommen – mehr geht wohl nicht.
Oder doch? Die Außenwirkung des Brigantenlagers während des alljährlichen Bernauer Hussitenfestes ist schon enorm. Eine kraftvolle Komposition zur mittelalterlichen Geschichte mit hohem Erlebniswert. Der Brigantenchef Eccarius immer voran. Das Spielerische hat er in seiner Leipziger Zeit bei den Kaskadeuren gelernt. In Musketierszenen. 1992, als die Hussitenfestspiele wiederbelebt werden sollten, war er mit seinem Sohn in einer Kampfsportgruppe in Wandlitz zugange und fragte einfach ringsherum: „Wollt ihr Fechten lernen?“  Breite Schwerter aus Baustahl entstanden dafür. „Das konnte man auch besser machen, alte, tschechische Kumpels halfen. Eccarius besuchte Seminare, lernte dazu, probierte das historische Fechten, darüber entstand das Bernauer Schwertkämpfertreffen, aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

© Petra Elsner

Steintor mit Hungerturm in Bernau bei Berlin zum Hussitenfest. Foto: Petra Elsner

Steintor mit Hungerturm in Bernau bei Berlin zum Hussitenfest.
Foto: Petra Elsner

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2 Antworten zu Der Zeremonienmeister

  1. Anna-Lena schreibt:

    Das hört sich interessant an und ruft direkt nach einem Besuch in Bernau 🙂
    LG Anna-Lena

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