Feldwache – ein Kürbis-kurz-Krimi

Zeichnung von Petra Elsner

Zeichnung von Petra Elsner

Der Sturm peitschte die Birken am Feldrand und Antjes Regenjacke flatterte, als wollte sie zu Flügeln wachsen. Die dürre Frau zurrte ihr Kapuzenband fester und stemmte sich mit aller Kraft in die Böe. Sie kam kaum voran. Der Boden unter ihren Stiefeln schmatzte vor Nässe. Auch das verhinderte einen schnelleren Gang. Schon seit einer guten Stunde lief sie den Acker auf und ab. Allein.  Plötzlich bog ein Laster ohne Licht auf den Sommerweg ein und rollte leise aus. Antje fingerte nach ihrem Handy und flüsterte: „Robert, komm!“ Das Herz der jungen Frau begann zu rasen, und ihr Griff um den Luftgewehrkolben krampfte. Was, wenn die Diebe sich nicht einfach verjagen lassen? Wenn sie bewaffnet  wären, würde sie schießen? Auf Menschen (?), hämmerte es ihr in den Schläfen, während sie noch abwartend stand.
Robert Schulz hatte wundervolle Gigant’s Dills und Big Rocks auf seinen Äckern inweit von Büssow, der nördlichsten Stadt der Uckermark, angebaut. Die leuchteten schon seit September wunderbar üppig ins Land, und erweckten offenbar kleptomanische Gelüste bei einigen Ausflüglern. Der Bauer sah aus der Ferne seines Hofes so manchen Nobelschlitten an seinem Acker halten, und zapzarap war wieder so ein Dicker weg. Das ärgerte den Mann zwar, doch diese Gelegenheitsräuberei konnte er verschmerzen.
Schulze hatte im Frühjahr mehrere Hektar mit Kürbissamen bestückt. Gedacht für den späteren Verkauf und als Spende für das dörfliche Halloween-Fest. Antjes Kürbis-Schnitzkurs rangiert immer herbstwärts in der Beliebtheitsskala der Kids ganz oben. Doch die Vorfreude auf das Gruselfest war angekratzt, denn die Klauerei auf den Feldern hat neue Dimensionen. Im Schutze der Dunkelheit wurde bei Prenzlau ein ganzes Feld abgeräumt. Seither hielten die Schulzes Nachtwache.
Der Wind ließ nach. Antje sah im fahlen Mondlicht, wie mehrere Gestalten vom Laster sprangen und eine Menschenkette ins Feld bildeten. Kaum später flogen die Riesenkürbisse von Mann zu Mann in den Lastwagen. Sie hatten es auf die Schnitzkürbisse abgesehen. Nicht nur auf fünf oder zehn – auf alle. Die Frau staunte, wie schnell diese Männer ernteten. Nicht zu vergleichen mit ihren Helfern von der Agentur. Entschlossen stapfte sie nun auf die Szenerie zu und brüllte dabei wütend: „Hey! Ihr da! Was soll das?“  Doch erst ihr Schuss in die Wolken stoppte den lautlosen Koloss -Flug.
Eine gegen Sieben – die Kürbisdiebe waren nicht  sonderlich verunsichert. Im Gegenteil, einer warf sogar mit einem Big Rock nach ihr und begann zu lästern: „So allein, das ist nicht ungefährlich schöne Bäuerin   …“ – da stoppte sein Spruch.  Rund um das Feld flackerten augenblicklich unzählige Kürbis-Laternen auf. Große mit grimmigen Fratzen. Die bewegten sich heulend und schreiend auf das Diebesgesindel zu. Erst rückte jenes ein bisschen dichter zusammen, aber dann bekamen die Männer das großen Laufen – wie die Hasen, in alle Himmelsrichtungen. Natürlich durchbrachen die Diebe mit Wucht die Lichterkette und verschwanden unerkannt im Dunkel. Aber Schulzens Ernte war gerettet. Die Erwachsenen waren sehr erleichtert, dass ihr Plan gut ausgegangen war. Und Kinder der Grundschule trugen stolz ihre Grusel-Laternen nach Haus, als wäre die Aktion nur ein Vorspiel für Halloween gewesen.

© Petra Elsner

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